Jost Ribary sen.

Daten
*18.07.1910 Oberägeri ZG, +21.02.1971 Oberägeri ZGBeruf
Ländlermusiker, AkkordeonstimmerInstrumente
Klarinette SaxofonOrte
Oberägeri, Zug, SchweizBiografie
Seit Kasimir Geisser vermochte sich kein anderer Ländlermusiker als Interpret und Komponist in solcher Weise durchzusetzen wie Jost Ribary zwischen 1940 und 1960. Seine einflussreiche Führungsposition hatte er sich ebenso zielstrebig wie kompromisslos aufgrund der überragenden Spieltechnik und des Reichtums an musikalischen Einfällen erarbeitet, wozu sich ein ausgeprägter ökonomischer Spürsinn und eine einfache, gewinnende Frohnatur gesellten. Er genoss daher bei arm und reich in Volksmusikkreisen grosse Popularität und stand vornehmlich in den Innerschweizer Kantonen mit einer Unzahl von Leuten, die ihn freundschaftlich “Jöstl” nannten, auf du und du. Um so trauriger stimmte die Nachricht vom plötzlichen Herztod des “Ländlerkönigs” an einem FebruarSonntag des Jahres 1971, mittags, beim Schneeräumen vor seinem “Heimetli” auf einer Anhöhe von Oberägeri. Er wurde hier unweit vom Ägerisee auf dem abseits gelegenen Gehöf Obertann als zweitältester Sohn des Bergbauern Roman Ribary (1882-1960) geboren und wuchs in kargen Verhältnissen heran, worin die Musik den einzigen Lichtblick bedeutet haben mag. Die Anfangskenntnisse im Klarinettenspiel brachte ihm sein Vater bei. Dieser war 1902 Mitgründer der Harmoniemusik Oberägeri und überdies Tanzmusikant, wie, nach herrschender Auffassung, seine männlichen Vorfahren bis zurück zu dem 1702 geborenen Basili Ribaire aus Vizille bei Grenoble in Frankreich, die allesamt Blasinstrumente spielten. Von Josts Grossvater mit gleichem Vornamen, geboren 1835, weiss man, dass er nach der Mitte des 19. Jahrhunderts als Tanzgeiger in einer Formation mit der Bezeichnung “Ribary & Co.” im Raum Luzern gewirkt hat. Jost Ribary der Jüngere durchlief in Oberägeri die Primarschule, verdiente sich sein Brot bereits als Vierzehnjähriger zwei Jahre lang als Fabrikarbeiter in der Spinnerei Neuägeri, wonach er eine Weile in derselben Ortschaft Hilfsbriefträger war. Sein Interesse galt anfänglich der Handorgel. Der Vater aber bestimmte, dass er Klarinette lerne, da sich dieses Instrument besser für ihn eigne. In der Harmoniemusik Oberägeri, der er mit sechzehn Jahren beitrat, genoss er Unterricht durch ihren Leiter Leonz Schönmann. Allein, seine besondere Neigung für die Volksmusik trat rasch zutage, traf man ihn doch bald - ausgehend von einem unfreiwilligen Auftritt anstelle von Dominik Märchy, im Restaurant “Baarerhof”, Zug, an der Fasnacht 1927 - mit Fridolin Heinrich, Handorgel, und danach neben Josef Schönmann, Handorgel/Trompete, sowie Eduard Meier, Schwyzerörgeli, auf dem Tanzboden an. 1929 übersiedelte die Familie Ribary nach Zug, von wo sie später ins Ägerital zurückkehren sollte. Hier schloss sich der Jungbläser der Stadtmusik an, wurde Schüler von Musikdirektor Geist und bildete zusammen mit den Akkordeonisten Matthias Rust und Karl Huber sowie dem Bassisten Toni Staub eine Kapelle. Die Wirtschaftskrise nötigte ihn, seinen Lebensunterhalt abermals mit Fabrikarbeit und als Bauarbeiter zu verdienen. Während einiger Zeit war er auch als selbständiger Kleinbauer tätig. Um aus den ständigen materiellen Sorgen herauszukommen, die sich nach seiner Heirat 1932 noch häuften, hatte er sich zum Ziel gesetzt, sein Musiktalent als Verdienstquelle zu nutzen. Dazu bot sich ihm Gelegenheit durch die Verbindung zu dem 1931 jung verstorbenen trefflichen Schwyzerörgeler Roman Stadelmann. Dieser war von etwa 1928 an im Zugerland und hernach in Zürich mitunter sein Spielpartner. In jene Frühzeit seiner Laufbahn fallen auch die Auftritte mit Heiri Müller, Emil Christen und Stocker Sepp sowie der Unterricht in Klarinette und Saxophon durch Lehrer Fanghänel vom Konservatorium Zürich, ein Mitglied des Zürcher Tonhalle-Orchesters. 1933 verliess er sein elterliches Zuhause, um in Bachenbülach im Zürcher Unterland in der dortigen Handharmonikafabrik den Beruf eines Instrumentenstimmers zu ergreifen. Während neun Jahren ging er hier der täglichen Arbeit nach und stieg dank seinem Fachwissen gar zum Meister auf. Die Samstage und Sonntage waren indessen dem Musizieren in der Limmatstadt vorbehalten. Mit fortlaufenden Konzerten ab 1933 in der Niederdorf-Wirtschaft “Konkordia”, zu Beginn mit Willy Vogel, Handorgel, und Josef Kündig, Klavier, setzte er neue Massstäbe in der Ländlermusik und bildete gleichsam das moderne Gegenstück zur älteren Spielweise, wie sie Kasi Geisser in der nahen “Schöchlischmiede” oder Stocker Sepp in der “Gans” nebenan darboten. Er beschränkte sich in der Besetzung auf 4 bis 5 Mann, Klarinette/Saxophon, Akkordeon, Klavier und Bass, benutzte häufig das Sopransaxophon und schrieb in der Folge eine Menge virtuoser Tänze von meist hohem Schwierigkeitsgrad, die dennoch als melodiös und echt volkstümlich empfunden wurden. Neu war auch, dass sich in seiner Formation der Akkordeonist besser als bis anhin zu entfalten vermochte, indem er eine zweite Stimme (Hornstimme) spielen und im Mittelteil des Stückes die Melodieführung übernehmen durfte, während der Bläser mit Spielen aussetzte. Diese Vortragsart wurde mit der Zeit von fast allen der Innerschweizer Stilrichtung verpflichteten Kapellen übernommen. Ribarys Aufstieg zum herausragenden Klarinettisten wickelte sich ab über seine ersten Schallplattenaufnahmen mit Willi Vogel und Fridolin Heinrich 1934 auf “Kristall”, worunter sich die Eigenkomposition “In der neuen Heimat” befand, die Zusammenarbeit mit Walter Wild, ab 1936 für mehrere Jahre mit Albert Hagen, während der vierziger Jahre mit dem Pianisten Alfons Böhm, Toni Fuchs, Hans Signer, Arthur Thumiger sowie den Akkordeonisten Josef Frischherz, Sepp Gmür und Christian Hartmann. Zudem hatte er eine glückliche Hand mit Komponieren, gelangen ihm doch u.a. mit dem von Martha Wild getexteten Schlagerlied “Komm in meinen Rosengarten” und dem Schottisch “Steiner Chilbi” zwei grosse Würfe. Geburt dieses wohl in der Ländlermusik bekanntesten Schottisch ist der 2. Oktober 1933, übrigens gleichbedeutend mit der Geburt seiner Tochter Bethli. Aus Freude darüber, nannte Jost Ribary eine seiner Kompositionen spontan “Steiner Chilbi”. Diese Uraufführung fand in der damaligen Bierhalle, dem heutigen Restaurant Kündig in Steinen/SZ statt. Erstmals auf Schallplatte aufgenommen wurde die Steiner Chilbi aber erst 13 Jahre später, am 13. Februar 1946. 1942 beendete er die Tätigkeit in Bachenbülach und zog nach Zürich um, wo er sich im Haus der “Konkordia” einmietete. Hier eröffnete er eine Handharmonika-Reperaturwerkstätte, die er zusätzlich zum Musizieren in der “Konki”, bei auswärtigen Anlässen sowie ungezählten Schallplattenaufnahmen zwei Jahrzehnte lang führte. 1951 nahm er seine Tochter Bethli, die ihre Klavierausbildung an der Musikakademie Zürich erhalten hatte, und den Toggenburger Akkordeonisten Ernst Kuratli in die Kapelle auf. Mit mehrwöchigen Gastspielreisen nach England und Holland zu dieser Zeit schuf er sich auch im Ausland einen Namen. Besonders zahlreich waren seine Anhänger unter den Amerika-Schweizern, die ihn oft, wenngleich ohne Erfolg, zu einem Gegenbesuch in ihrer neuen Heimat zu bewegen versuchten. Später stiessen sein Sohn Jost, der Klavierspieler Walter Wiggli, der Akkordeonist René Wicky und der Bassist Walti Keiser dazu, während er, Vater Ribary, sich oftmals durch den Bläser Hans Gasser vertreten liess. Nach dieser neuerlichen Glanzzeit der fünfziger Jahre, in der er nochmals eine Unzahl von Eigenkompositionen in den Verlagen Wild, Feldmann, Helvetia (Kopp), Ribary-Peterer usw. herausbrachte, die er zuvor auf Schallplatten eingespielt hatte, erlaubten es ihm 1962 seine Ersparnisse, das regelmässige Konzertieren in der “Konkordia” einzustellen und mit seiner Frau das mit eigenen Mitteln errichtete Haus am Ort seiner Herkunft zu beziehen. Von 1952 bis 1962 gehörte er auch der Stadtmusik Zürich als Aktivmitglied an. An ihn, der häufig mit “Klarinettenakrobat” apostrophiert wurde, gegen tausend Tänze hinterließ und auf Hunderte von Radiosendungen und Tonaufnahmen zurückblicken konnte, erinnert in Oberägeri, wo er seine letzte Ruhe fand, ein Gedenkstein.Objekte